War es im vergangenen Jahr die schwedische Bahn, die unseren Erasmus-Austausch in Norwegen auf der Rückreise zu einem Abenteuer werden ließ, so begann das Abenteuer in diesem Jahr bereits in Deutschland. Genauer gesagt in der Eurobahn. In Oerlinghausen-Asemissen, keine 40 Minuten, nachdem wir den Bahnhof Lüttfeld hinter uns gelassen hatten.
Wir, das sind 14 Schülerinnen und Schüler der EF und Q1 sowie unsere Lehrkräfte Frau Hölscher und Herr Struppek.
Um 07:31Uhr wurden wir aus unseren Träumen über atemberaubende Fjorde und Elch-Sichtungen gerissen, als durch die Zuglautsprecher verkündet wurde: „Wegen eines Weichenschadens verzögert sich die Weiterfahrt dieses Zuges auf unbestimmte Zeit…“ Genau in diesem Moment begann unser diesjähriger Abenteuertrip. Ein paar ungläubige Blicke später kam unsere DB-App erstmalig zum Einsatz: Es wurde uns zu einer einstündigen Bustour quer durch sämtliche Bielefelder Vororte geraten, um den dortigen Hauptbahnhof zu erreichen. Da der Linienbus in der Regel keine Reisegruppen mit großen Koffern chauffiert und somit an diesem Mittwochmorgen aus allen Nähten platzte, reduzierte sich unsere Umstiegszeit in Bielefeld auf ganze vier Minuten. Leicht außer Atem, aber die erste Challenge gemeistert, saßen wir mit einer Stunde Verspätung im Zug Richtung Düsseldorf Flughafen – einige versuchten sich mit der häuslichen Playstation zu verbinden, andere beteten, dass nun alles gut gehen würde und die knappe Checkin-Zeit am Airport ausreichen würde.
Dass der Einstieg in den Fly-Train zur Herausforderung für eine Schülerin werden sollte – damit hatten wir tatsächlich nicht gerechnet… Aber letztendlich erwies sich dieses Missgeschick als nicht weiter schlimm, da unsere Fluggesellschaft SAS durch bereits geschlossene Schalter dafür sorgte, dass unser Abenteuer ungeahnte Dimensionen annahm. Denn ein verpasster Flug von Düsseldorf nach Oslo zog ja automatisch nach sich, dass auch der Anschlussflug sowie der dreistündige Bustransfer von Tromso nach Finnsnes nicht wahrgenommen werden konnten. Einerseits aufgelöst und gleichzeitig überaus dankbar dafür, dass unser in Barntrup weilendes Organisations-Talent Dr. Rebschloe – seines Zeichens ErasmusPlus-Koordinator der Schule – von seinem Schreibtisch aus gemeinsam mit SAS neue Verbindungen ausfindig machte und für uns buchte, machten wir es uns bei McDonalds bequem – ganze sieben Stunden lang. Nach einem gemeinsamen Frustessen dienten die bequemen Sitzgelegenheiten und zahlreichen Steckdosen dazu, das IPad für schulische und nicht schulische Dinge zu nutzen, widerwillig die Englisch-Lektüre zu lesen oder vorsorglich nochmal ein kleines Nickerchen zu machen. Denn wir wussten bereits: wir fliegen zwar am Abend weiter, doch es würde uns eine Nacht auf dem Kopenhagener Flughafen bevorstehen…
Dass wir dort mit etwa 90minütiger Verspätung landeten, störte uns nach diesem turbulenten Tag wenig – nach Begutachtung in Frage kommender Schlafstätten, die allesamt aus harten Holzbänken bestanden, war die totzuschlagende Zeit somit eben kürzer. Während die Mädels samt Frau Hölscher und Herrn Struppek versuchten, eine einigermaßen erträgliche Schlafposition zu finden, kam in den fünf Jungs der Hunger auf und sie suchten den nächstgelegenen BurgerKing auf – unglücklicherweise nicht in dem Wissen, dass der SecurityCheck nicht die ganze Nacht geöffnet hat. Kurzum: Unsere fünf Jungs mussten einen Großteil der Nacht im Fastfood-Restaurant verbringen, bewiesen uns aber anschließend anhand von Fotos, dass der Teppichboden im dortigen Spieleparadies deutlich bequemer zum Schlafen gewesen sei als die von der restlichen Gruppe genutzten Holzbänke im Flughafen. Die ohnehin nicht sehr schlafintensive Nacht war dann um 04:30Uhr zunächst für Frau Hölscher und dann kurze Zeit später für weitere Mitreisende vorbei, als Phillip beim nächtlichen CheckIn darauf aufmerksam wurde, dass bei all denen, die ihr Gepäck in Düsseldorf digital eingecheckt hatten, der BoardingPass für die zwei noch ausstehenden Flüge nicht mehr abzurufen war. Zu elft machten sich die Ticketlosen nun also mitten in der Nacht quer über den fast noch menschenleeren Flughafen auf, um das Problem lösen zu lassen – in einem fremden Land, einer fremden Sprache, aber mit Erfolg!
Und als sollte nun so langsam jemand Erbarmen mit uns gehabt haben, lief fortan alles glatt – wir waren auch wirklich mehr als gebeutelt. Insbesondere unser insgesamt dritter Flug von Oslo nach Tromso zur Mittagszeit entschädigte uns tatsächlich für all die nervenzehrenden Stunden zuvor: der gigantische Ausblick auf die schneebedeckten Gebirgsketten und die zugefrorenen Fjorde bei strahlendem Sonnenschein wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Den Weg von Tromso aus – bekannt als „Arctic Capital“ – zum Ort unserer Austauschschule, Finnsnes, legten wir mit der Fähre über den Fjord zurück. So langsam wurde uns bewusst, dass wir hoch oben im Norden Norwegens angekommen waren – in einer schier gänzlich anderen Welt!
Nach einer ersten Nacht in den Gastfamilien oder in den schuleigenen Internatsräumen ging es am nächsten Tag zurück nach Tromso, wo wir zunächst gemeinsam mit den norwegischen Austauschpartnern einen interessanten Workshop im Polar-Museum durchliefen und Erkenntnisse über die Lebensbedingungen in der Arktis und bspw. den früher viel praktizierten Robbenfang sammelten. Im Anschluss daran hatten wir Zeit zur eigenen Verfügung – während die SchülerInnen sie vornehmlich zum Shoppen, teils aber auch zum Sightseeing nutzten, erklommen die Lehrkräfte mit ihren extra zugelegten Spikes nach ihrer Sightseeingtour den bekannten Berg Storsteinen, um die beeindruckende Aussicht über die Stadt und die Berglandschaft zu genießen.
Auch das Wochenende stand den norwegischen und deutschen Austauschteilnehmern zur freien Verfügung. Ob Angeln, Langlaufskifahren oder Rodeln auf großen Plastiksäcken (teils mit nassem Ende im Teich am Internat) – es wurden einige neue, norwegentypische Erfahrungen gesammelt und der Spaß kam nie zu kurz. Die im Internat untergebrachten SchülerInnen hatten zudem Freude am gemeinsamen Kochen und genossen gemeinsam das Schauspiel der Nordlichter.
Am Montag wurde die deutsche Reisegruppe zur Zweigstelle der Partnerschule gebracht, welche sich in Gibostad auf der Insel Senja befindet. In dieser Zweigstelle ist der berufsbildende Zweig der Schule mit den Schwerpunkten Landwirtschaft und Fischerei angesiedelt. Die Schulführung endete im Kuh- und Schafstall – insbesondere der weibliche Teil unserer Gruppe war schockverliebt in die kleinen Ziegen, die gut eine dreiviertel Stunde geknuddelt und anschließend am liebsten eingepackt worden wären. Im Anschluss an diesen landwirtschaftlichen Schwerpunkt ging es für die Gruppe auf einem Fischfangboot der Schule hinaus auf den Fjord – die deutschen Teilnehmer durften sich im Angeln versuchen und erwiesen sich dabei teils als hoch talentiert. Während die Mädels ihre Beute am liebsten wieder ins kühle Nass geworfen hätten, waren die Jungs stolz auf ihre teils großgewachsene Beute und hatten keinerlei Probleme damit, diese auch direkt vor Ort auszunehmen. Ein einmaliges Erlebnis! Doch schien es nach ein paar ruhigeren Tagen mal wieder Zeit für ein Abenteuer zu sein: Mitten auf dem Fjord schippernd machte der Motor des Bootes plötzlich schlapp – an ein eigenständiges Zurückfahren zur Schule war nicht zu denken. Einige Telefonate und SOS-Sendungen später erreichte uns ein Seenotrettungsschiff, welches uns dann durch die arktische Berg- und Fjordlandschaft hindurch zum Anleger der Schule zurückschleppte. Ein Schiffs-Motorschaden mitten in den arktischen Gewässern – dieser ErasmusPlus-Austausch bot wieder jede Menge Abenteuer inklusive!
Auch für den Dienstag war erneut ein Programm geplant, welches uns die norwegische Lebenswelt näherbrachte: Wir bekamen eine Führung im Lachs-Verarbeitungszentrum von SalMar, dem weltweit zweitgrößten Produzenten und Verarbeiter von Zuchtlachs. Es war überaus interessant zu sehen, wie der Lachs zunächst gezüchtet und aufgezogen wird, bevor er dann in dieser riesigen Verarbeitungsfabrik an zig verschiedenen Stationen für die spezifischen Wünsche der Kunden ausgenommen, gehäutet oder verpackt wird. Im Anschluss an die Werksführung machten wir uns gemeinsam mit den norwegischen Austauschteilnehmern auf den Weg in das SalMar SalmonCenter, wo wir eine Ausstellung erkundeten sowie Lachs zubereiteten, um ihn anschließend in leckeren Wraps zu genießen. Ein toller Tag, der uns an einen der bedeutendsten Wirtschaftspfeiler Norwegens eindrucksvoll heranführte.
Und nun hieß es am Abend schon wieder Koffer packen, denn am Mittwoch machten wir uns von Narvik aus auf den Rückweg gen Heimat. Nach einer Busfahrt durch die herrliche Landschaft Nord-Norwegens besuchten wir in Narvik noch gemeinsam mit den NorwegerInnen das Kriegsmuseum, welches sich mit den Gegebenheiten des Zweiten Weltkriegs in der Region beschäftigt. Nach einer letzten kulinarischen Stärkung waren wir nach den bitteren Erfahrungen des letzten Jahres überglücklich, als der gebuchte Nachtzug mit Reiseziel Stockholm vorfuhr und wir unsere Plätze für die nächsten 19 Stunden einnehmen konnten. Die länger und länger werdende Fahrt verbrachten wir damit, Schulaufgaben zu erledigen, bei längeren Bahnhofs-Aufenthalten Schneeballschlachten zu veranstalten, zu lesen oder Videos zu schauen und letztendlich einigermaßen bequeme Schlafpositionen auszuprobieren.
Mehr oder weniger ausgeschlafen erreichten wir am Donnerstagvormittag gegen 10Uhr die schwedische Hauptstadt. Neben einer gemeinsamen Bootstour durch die bekannten Schären, die uns Stockholm von der Wasserseite aus zeigte, erkundeten wir in Kleingruppen die Stadt mittels einer Fotospot-Ralley und auch das ein oder andere Souvenir wurde ergattert.
Nach dem Abholen der eingelagerten Koffer hieß es nun ab 17:30Uhr, den zweiten Nachtzug unsicher zu machen, der uns nach Hamburg und damit zurück nach Deutschland bringen sollte. Nach einer erneut eher kurzen Nacht in den unterschiedlichsten Schlafpositionen, die man im Sitzen so einnehmen kann, erfuhren wir – Abenteuer, da sind wir wieder! – dass unser Nachtzug mit etwa 50 Minuten Verspätung in Hamburg eintreffen würde und unser gebuchter ICE somit nicht mehr zu erreichen war. Verspätungs-Dokumente gesichert und die DB-App geöffnet, machten wir uns im Hauptbahnhof auf die Suche nach einem sinnvollen Anschlusszug – um zu erfahren, dass unser gebuchter Zug selbst ebenfalls eine Verspätung hat. Danke Deutsche Bahn – deine Verspätung hat uns gerettet! Mit einstündiger Verspätung machten wir uns somit mit unserem tatsächlich gebuchten Zug auf in Richtung Heimat und trafen dort – trotz all der erlebten Abenteuer – mit nur 60 Minuten Verspätung ein.
Resümee: Wer sich für den ErasmusPlus-Austausch nach Finnsnes entscheidet, der bucht einen Adventure-Trip, der noch deutlich mehr Überraschungen und Abenteuer bereithält, als im Vorab-Programm beschrieben. Erlebnisse wie eine Flughafenübernachtung oder ein Motorschaden mitten auf arktischen Gewässern, die man mit Lehrkräften und zu Freunden gewordenen Mitschülern teilt und wohl nie vergisst! Finnsnes 2028 – wir sind schon gespannt, was du in zwei Jahren für die Barntruper Reisegruppe bereithältst!





